Berichte zum Mauerfall


 

 

 

 

 

 

Bericht von Conny Hanschmann, Studentin und Erzieherin

Gegen zehn, halb elf wurde es am Brandenburger Tor langsam voller, auch auf der Aussichtsplattform, auf der wir standen. Deshalb beschlossen ein paar Leute und ich doch mal in Richtung Mauer zu gehen. Wir haben uns gegenseitig auf die Mauer gezogen und wollten schauen, ob DDR-Bürger rüberkommen. Es war schon merkwürdig dort oben zu stehen, weil die Mauer ein Symbol der Trennung war und dahinter die Grenzsoldaten standen.

Meine Gefühle waren eine Mischung aus Freude und Angst. Wir wollten unseren Teil zu den Veränderungen in der DDR beisteuern, den Leuten auf der Ostseite zeigen: "Wir sind auch noch da, und wir wollen euch helfen." Das zeigten wir durch das Besetzen der Mauer und unsere Sprechchöre und Lieder wie "Die Mauer muss weg", "So ein Tag, so wunderschön wie heute" und "Auf der Mauer auf der Lauer". Schließlich fingen wir an, auf der Mauer herumzuklopfen, um sie wenigstens symbolisch einzureißen.

Ich habe Verwandte im Osten, die West-Besuchsverbot hatten. Das hat mich immer bedrückt und spielte eine Rolle auf der Mauer herumzuhacken. Wir haben, glaube ich, nicht damit gerechnet, dass die Mauer tatsächlich verschwinden würde. Wo Hammer und Meißel herkamen, weiß ich nicht mehr so genau. Ich erinnere mich aber an das unangenehme Gefühl, als diese kleinen Gesteinsbrocken rumflogen und man ständig aufpassen musste, sie nicht in die Augen zu bekommen.

© Hans-Hermann Hertle / Kathrin Elsner: "Mein 9. November. Der Tag, an dem die Mauer fiel." Berlin: Nicolai, 1999


Aus einem Brief eines Offiziersschülers der Grenztruppen an seine Angehörigen

(...) Wir standen ja nun ab dem 4. November ständig am Brandenburger Tor in Bereitschaft. Und ausgerechnet in der Nacht vom 9. zum 10. November 1989 waren wir gerade 39 Mann an diesem Abschnitt (sonst fünf Kompanien). Um 0.00 Uhr hatten wir dann Alarm, weil sie in West-Berlin auf der Mauer dort Stunk gemacht haben. Während wir dort sicherten und die Mauer-Tänzer mit Wasser bespritzt wurden, kamen aus unserem Teil der Stadt auf einmal 300 Personen. Wir zurück, doch 39 gegen 300, natürlich aussichtslos.

Die Massen [kamen] alle durchs Brandenburger Tor und [haben] gefeiert und gejubelt. Wir [waren] dagegen total frustriert, geschockt und am Boden. Wir fühlten uns absolut im Stich gelassen und waren fassungslos. Für viele war eine Welt zusammengebrochen. (...)

© Hans-Hermann Hertle / Kathrin Elsner: "Mein 9. November. Der Tag, an dem die Mauer fiel." Berlin: Nicolai, 1999